Liberal - Was ist das?

Ein Text von Holger Sieg

Fragt man heute einen typischen 16-jährigen nach seinen Interessen, wird man im guten Fall hören, dass er sich für Musik interessiert oder Fußball spielt. In meiner sachsen-anhaltischen Heimat sahen die Antworten oft weitaus ernüchternder aus. Bei „Party machen“, „saufen“ und „Langeweile schieben“ waren viele schon mit ihrem Latein am Ende. Umso mehr war man erstaunt, wenn ein Jugendlicher antwortete: „Ich bin bei den jungen Liberalen.“, wie ich es damals getan habe. Oft erntete ich verwirrte Blicke und schien dort auch zu einer äußerst seltenen Spezies zu gehören. Seit meinem Umzug 2004 ins Herz unserer Hauptstadt sieht dies jedoch anders aus. Hier traf ich plötzlich auf Gleichgesinnte, entdeckte viele Gemeinsamkeiten und schätze die gute Diskussionsbasis. Gerade seit dem jüngsten BuKo jedoch wissen wir, dass auch Julis bei brisanten Themen durchaus verschiedener Ansicht sein können.

Was vereint die Julis und was entzweit sie? Das häufigste Schlüsselwort dabei heißt Freiheit. Freiheit des Einzelnen, Freiheit von behördlichen Behinderungen oder staatlicher Bevormundung. Für mich liegt der Kern in den Bürgerrechten, der Schaffung einer gebildeten, gewaltfreien und fortschrittlichen Gesellschaft. Dabei setze ich auf starke Individualität statt Uniformität. Dennoch leben wir in einer Gesellschaft, für die jeder ebenso mit Sorgfalt Verantwortung trägt. Jeder Juli muss sich über eine Frage klar werden: "Ist es Freiheit, ungefragt und ungehindert jederzeit auf einer Straße fahren zu können oder ist es Freiheit, die Straße kaufen zu können?“ Für mich ist die Antwort schnell klar, und weiter gedacht ebenso, dass die Gesellschaft eine Gewährleistungspflicht gegenüber ihren Bürgern hat, was Versorgung, Verkehr, Bildung und Verwirklichungschancen betrifft. Man sollte immer auf Verstand und Herz gleicherweise hören und auch mal aus der Sicht der Anderen die Dinge betrachten. Dies kann ich jedem Juli nur nahe legen, denn eine gute Gesellschaft tut allen gut.